Zwischen Angst vor NSA und „Quantify Yourself“: Unser Alltag mit Big Data

Essay für die LVA Forschungen im und über das Web: Gesellschaftliche Auswirkungen des Web bei Dr. Mag. Martina Mara | 15.02.2014

Wie würde eine Gesellschaft aussehen, wenn jeder alles über den anderen wüsste? Wie, wenn es keine Schranken der Information mehr gäbe, keine Geheimnisse?[1]

fragt Michael Seemann in seinem Blog-Beitrag. Um diese Frage beantworten zu können, sollte man viele Verschiedene Mechanismen kennenlernen und sich selber auch fragen, ob man das so will. Ist Postprivacy wirklich eine Chance? Wenn, dann für was? Können wir Menschen so aus Natur öffentlich Leben?

Was ist Privatheit?

Laut Georg Simmel Privatheit muss man zusammen mit anderen Faktoren erforschen, da sie mitanderen Normen wie Vorstellungen, Überzeugungen, Ängsten oder Leidenschaften verbunden ist.[2] Die allgemeine Definition der Privatheit als eine Kontrolle persönlicher Informationen und als Regulierung des Zugangs zum Selbst [3] gefällt mir aber am besten.  Aus dieser vereinfachten als auch sehr komplexen Beschreibung der Privatheit folgert schon einiges zu überlegen. Was sind persönliche Informationen? Wie unterscheide ich diese von öffentlichen Informationen? Was bedeutet Zugang zum Selbst?

Privatheit vs. neue Technologie

Vor dem Aufkommen der Informationstechnologie gabt es viel weniger „Verwirrung“ mit Informationen (über uns selbst), die wir weitergaben. Kleinere Möglichkeiten der Informationsübertragung haben gewissermaßen automatisch unsere Intimsphäre gezeichnet. Seit wir uns durch den Internet und Sozial-Media Plattformen kommunizieren können, erweitert sich den Raum, wo wir „existieren“ auf anonyme, globale Publikum. Die Schemen unserer Sozialexistenz haben sich aber nicht geändert d.h. wir bauen genauso wie früher unsere Beziehungen auf Wissen, bzw. Informationen über anderen. Ich sehe deswegen den größten Gefahr von Datenmissbrauch bei jungen Leute, die am lockersten  von allen sozialen Gruppen ihre Daten im Internet veröffentlichen.[4] Die Lust oder Sehnsucht nach Gruppenintegration führt dazu, dass die junge Leute verwechseln Wissen (also Information-geben und Information-sammlen) mit Beziehungen und Nicht-Wissen mit Individuellen Isolation. Die Regulierung des Zugangs zum Selbst basiert auf die Kontrolle eingehender und ausgehender Informationen.[5] Deswegen bin ich der Meinung, dass die Nutzung von neuer Technologie nicht nur die Technologiekenntnisse aber auch das Selbstverständnis und die Reife von uns verlangen. Dazu kommt auch einen anderen Problem. Während der Computernutzung die Interaktion mit anderen Personen ist für uns mehr abstrakter als bei Face-to-Face Interaktionen. Es führt zur größere Unsicherheit und Vertuschung von möglichen Gefahren.

Frage der Privatsphäre im Internet und damit verbundene Probleme

Das grundsätzliche Problem derzeitiger Informationspraktiken ist, dass die Praktiken der Nutzer für die Betreiber im Internet zunehmend transparent sind, während die Nutzer die  Praktiken der Betreiber nicht kennen. Ich bin überrascht, dass Digital Natives sehen Gefährdungen ihrer Privatheit trotzdem vor allem von andere Nutzer.[6] Die Risikobereitschaft, womit die Autoren diese Phänomen erklären [7], spricht nicht wirklich zu mir. Die alle Gruppen haben gleiche Wünsche an Sicherheit im Internet, trotzdem junge Leute würden ihre private Informationen öfter veröffentlichen und machen sich weniger Sorgen wegen der Praktiken der Betreiber. Für mich das als auch die Naivität, mit deren sie ihre persönliche Daten (z.B. halb-nackte Fotos) im Internet geben, schon für einen Wandel des Privatheitsverständnisses spricht. Es scheint mir, dass die Autoren der Studie nicht berücksichtigt haben, dass Befragten werden problemlos über Verletzung ihre Privatsphäre sprechen, aber niemand wird eigene Naivität zugeben.

Privatheit vs. Überwachung

Eine von den wichtigsten Befürchtungen, die man mit neuen Technologien verbindet, ist beobachtet und identifiziert zu werden. Da unsere Aktivitäten basieren jetzt noch öfter auf dem Cyberspace, ist diese Überwachung noch einfacher und schneller zu realisieren. Wir greifen immer öfter nach neuen Applikationen, aus der Gewohnheit oder Bequemlichkeit deren Nutzung. 21% der amerikanischen Bevölkerung nutzen Apps, Sensoren und Websites um ihre (Gesundheits-)Daten zu speichern und auszuwerten[8]. Mit Hilfe von neuen Technologien wie Suchmaschinen, Handys, GPS, Sozial-Media oder G-Mails können aber auch die Betreiber unsere Daten sammeln und anhand dieser Informationen der Profilbildung durchführen. Dass die Militär die spezielle Programmen zur Überwachung und Auswertung elektronischer Medien und elektronisch gespeicherter Daten entwickelte wie z.B. PRISM, ist kein großes Geheimnis mehr. Ich finde eine Analyse von unseren Daten zur Vorbeugung gegen Terrorangriffen schon sinnvoll, aber nur, wenn diese früher begründet ist z.B. mit einem berechtigten Verdacht, dass ein Person gefährlich ist. Wie wäre es aber, wenn wie alle genauso analysieren werden? Es ist irgendwie unsympathisch zu denken, dass jetzt gerade ein Verhalten-Profil von mir entsteht.

Big Data

Big Data basiert auf Praktiken des Sammelns, Übertragens und Verbreitens von „Wissens“ über Nutzern. Die große Menge an Informationen, die täglich produziert werden, erfordern die Entwicklung von spezialisierten mathematischen Algorithmen, die Mustern und Beziehungen in diesem riesigen Datenmengen entdecken. All dies für eine Möglichkeit, einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz durch sachkundige Datenanalyse zu gewinnen. Profilwerbungen sind hier am wenigsten wichtige Praktiken. Dankt dieser Analyse werden auch z.B. Profilierte finanzielle oder Geschäfts- Angebote verfassen. Einerseits es hilft die beste Angebot zu finden, andererseits ermöglicht eine Manipulation durch Unternehmen und Preisdiskriminierung Taktiken. Die Banken nutzen unsere Daten, um eine „objektive“ Beurteilung einer Person, die für ein Gewähr des Darlehens gilt, in einer sehr kurzen Zeit, zu machen. Die Existenz von Big Data kann man nicht vermeiden, aber dessen Nutzung könnte schon besser regulieren werden.

Privatsphäre in der Zukunft

Eine extreme Überwachung laut die Vision Kriminalität soll bekämpft werden, bevor sie entsteht, die Polizei soll vor dem Täter am Tatort sein [9] integriert, denke ich, schon extrem in unserer Privatheit. Diese Zukunft sehe ich aber als sehr wahrscheinlich. Die Überwachung- und Datensammlung Praktiken gewinnen an Dynamik. Heutige Arbeitsmärkte bedürfen immer wieder neuen Spezialisten von der Statistik. Jetzt sind  unsere Daten nicht nur für Profilbildung analysiert, unsere Profile würden auch überall bekannt. Skype und Microsoft dürfen Daten weiter in die USA schicken, [10] die Informationen über Nutzern werden von Sozial-Media wie Facebook für Militärdienste herausholen. Auch von Microsoft wurde eine Offenlegung von Kunden gezwungen. Ob es mehrere Leute wie Edward Snowden gibt und ob wir darüber wissen oder nicht spielt jetzt keine Rolle. Die Grundsache ist, dass wir immer mehr beobachtet werden. Die Frage nach Recht und Ethik? Da die Rechtsprechung erfordert eine klare, möglichst umfassende und eindeutige Definition von Privatheit – Solove [11] – gibt es immer eine Möglichkeit das Gesetz zu dehnen.

Schlussfolgerungen

Wir leben in der Zeit der Entwicklung neuer Technologien. Diese begleitet uns mit jedem Schritt. Es ist schon bekannt, dass was schon im Internet gegeben war, bleib dort für immer. Die Netz, alle Servers und Knoten, ist einfach zu groß, um die Daten wieder herausholen zu können. Ich denke, wenn wir diese Technologie weiter nutzen möchten, dann sollen wir uns daran gewöhnen. Solche Daten-Praktiken sind also unvermeidlich und die würden auch nie für uns „gut“ sein, so sind wir im normalen Leben auch nicht immer gut für einander. Neue Technologien bis dato gültige Normen und Werte einerseits reproduzieren können; andererseits kann auch genau das Gegenteil der Fall sein.[12] Meiner Meinung nach, unsere Natur können wir nicht ändern, aber unsere Werte werden sich schon ändern, wie wir schon jetzt viel größere Öffentlichkeit (im Internet) bei jungen Leute beobachten. Ich hoffe aber, dass es nicht zum ganzen Verlust der Privatsphäre kommt. Unsere Privatnormen können sich zwar erweitern, aber was wir Hunderte Jahren beschützen haben – unsere Privatheit, „zu Hause“ – werden wir nicht so schnell übergeben. Was auch in der Forschung steht – Digital Natives möchten auch noch immer ihre Privatheit zu Hause haben und befürchten genauso wie ältere Generationen beobachtet zu werden. Die Intimsphäre ist für uns eine Notwendigkeit, die unsere Sicherheit gründet. So wie beim Google-Glass Effekt – Menschen rein Psychologisch mögen nicht beobachtet und identifiziert zu werden. Realistisch gesehen denke ich, dass wir noch für bestimmte Gesetze und Technologien, die uns das Zusammenleben mit Big Data regeln, kämpfen werden. Die in der Forschung vorgestellte Vorschläge, mit deren Hilfe man sich sicher im Cyberspace fühlen sollte, finde ich meistens sehr praktisch. Ein Lernkurs zu diesem Thema oder Standarisierte Allgemeine Geschäftsbedingungen für Webseiten und Erreichbarkeit der Betreiber sind sehr sinnvoll. Dieser letzten Punkt, denke ich, existiert schon in der Form eines Frage-, Kontakt-Mails. Ich würde mich auch sehr freuen, wenn wir einen Uni-Kurs zum Thema Daten-Schutz an der JKU schaffen.

  1. http://blog.zdf.de/hyperland/2010/11/postprivacy_verlust_der_privat/
  2. Un/Faire Informationspraktiken: Internet Privacy Aus Sozialwissenschaftlicher Perspektive; Ochs, Löw ; S.26
  3. Un/Faire Informationspraktiken: Internet Privacy Aus Sozialwissenschaftlicher Perspektive; Ochs, Löw ; S.18-19
  4. Un/Faire Informationspraktiken: Internet Privacy Aus Sozialwissenschaftlicher Perspektive; Ochs, Löw ; S.42
  5. Un/Faire Informationspraktiken: Internet Privacy Aus Sozialwissenschaftlicher Perspektive; Ochs, Löw ; S.20
  6. Un/Faire Informationspraktiken: Internet Privacy Aus Sozialwissenschaftlicher Perspektive; Ochs, Löw ; S.53
  7. Un/Faire Informationspraktiken: Internet Privacy Aus Sozialwissenschaftlicher Perspektive; Ochs, Löw ; S.37
  8. http://qsdeutschland.de/grosses-interesse-an-self-tracking/
  9. http://www.faz.net/aktuell/technik-motor/computer-internet/vernetzte-ueberwachungstechnik-die-polizei-will-vor-dem-taeter-am-tatort-sein-12604154.html
  10. http://www.europe-v-facebook.org/DE/de.html
  11. Un/Faire Informationspraktiken: Internet Privacy Aus Sozialwissenschaftlicher Perspektive; Ochs, Löw ; S.30
  12. Un/Faire Informationspraktiken: Internet Privacy Aus Sozialwissenschaftlicher Perspektive; Ochs, Löw ; S.30

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