Das Netz lässt dich nicht sterben

Tot und doch lebendig?

Und plötzlich ist es still… Wo einmal ein geliebter Mensch war ist plötzlich ein leerer Platz am Tisch, eine unbenützte Bettseite, eine trockene Zahnbürste am Waschbeckenrand, ein stilles Ende der Telefonleitung und noch so viel mehr. Wenn ein Mensch von uns geht hinterlässt er eine Lücke, einen Graben, den man glaubt nie mehr schließen zu können.

Mit diesem Thema befasst sich Dr. Thomas Macho schon seit vielen, vielen Jahren. „Todesmetaphern. Zur Logik der Grenzerfahrung“ (1987), „Vom Skandal der Abwesenheit. Überlegungen zur Raumordnung des Todes“ (1994) und „Die neue Sichtbarkeit des Todes“ (2007),  sind nur einige von seinen Arbeiten rund um Trauerbewältigung. Neben Erinnerungsstücken bleiben Gedanken an die gemeinsame Zeit.

>> PDF downloaden: Thomas Macho. Jedermanns Tod. Kunst als Trauerarbeit, 17 Seiten

Der Tote spricht nicht, und seine Miene bleibt verschlossen. Er bewegt keinen Muskel, zuckt nicht mit den Wimpern, […]. Der Tote ist unzweifelhaft ein Mensch; aber er verhält sich ganz und gar nicht wie ein Mensch. Er ist menschlich und unmenschlich zugleich, äußerst vertraut und äußerst fremd, ein menschlicher Organismus und doch ein Ding. Dr. Thomas Macho, 1952

Anna ist 25, Verkaufsassistentin in einem großen Industrieunternehmen. In ihrer Mittagspause checkt sie gerne einmal ihr Facebook Profil um auf dem Laufenden zu bleiben. So auch an diesem Tag. Anna beißt gerade in ihr Jausenbrot während sie den Newsfeed aktualisiert. Plötzlich poppt die rote Erinnerungsblase auf Facebook auf und Anna bleibt der Bissen Schwarzbrot mit Gouda im Hals stecken – sie schluckt – doch ein Knoten bleibt: „Sarah H. hatte heute Geburtstag. Gratuliere ihr zu diesem schönen Tag“. Sarah ist Annas beste Freundin aus Kindheitstagen und seit einem halben Jahr tot. Sarah ist Opfer eines Verkehrsunfalles geworden.
Anna steigen Tränen in die Augen, sie hatte bewusst vermieden Sarahs Facebookprofil zu besuchen. Sie wusste, dass dieses noch aktiv ist. Viele von ihren gemeinsamen Freunden nutzen es als eine Art „Memorial wall“ und posten regelmäßig Bilder, Videos oder Sprüche. Anna findet das unpassend, daher hat sie diese Beiträge auch blockiert. Sie hat eine andere, eigene Art zu trauern, eine persönliche, mit der sich nur sie selbst auseinandersetzen will. Doch dieser kleine, einfache Text hat in Anna etwas ausgelöst – für zwei Sekunden war ihre Freundin wieder unter den Lebenden – sie war Teil ihres Alltags. Anna weiß nicht ob sie dieses Gefühl positiv oder negativ bewerten soll.


Facebook, ein neuer Ort der Trauer und Erinnerung

Alle Bilder stammen aus öffentlichen Profilen.



So wie Anna geht es regelmäßig einer ganzen Menge an Menschen. Denn jährlich sterben 2,89 Millionen Menschen weltweit (2012, Q1). Menschen mit einem aktiven Facebookprofil. Haben Sie sich schon einmal damit auseinandergesetzt, was mit Ihren Profilen in sozialen Netzwerken passiert, wenn Sie nicht mehr sind? Nein? Dann sollten Sie das vielleicht einmal tun.

Es ist quasi ein Trend der um dieses Thema herum passiert. Immer mehr Webseiten und Informationen zu diesem Thema sprießen wie Pilze aus dem Boden. Auch Facebook hat bereits einen Leitfaden auf seiner Hilfe-Seite veröffentlicht, und erklärt wie man ein Profil vom Verstorbenen Verwandten oder Freunden in Gedenkzustand umwandeln kann.

Konten im Gedenkzustand stellen für Personen auf Facebook eine Möglichkeit dar, um das Leben der geliebten Personen, die sie verloren haben, zu feiern und ihrer zu gedenken. Facebook.com

Hier kannst du dir persönliche Erfahrungsberichte anhören.

Geschichte 1: Anonym, 32 Jahre

Geschichte 2: Anonym, 22 Jahre

Fabian hat vor kurzem seine Schwester Sabine verloren. Sabine hatte eine schwere Krankheit und hat den Kampf dagegen vergangen Monat verloren. Bei all der Trauer und Leere die Fabian seit diesem Tag begleiten, muss er aber auch Sabines Nachlass regeln, denn er ist ihr nächster Angehöriger. Neben der Auflösung der Wohnung, der Organisation des Begräbnisses, muss Fabian auch den digitalen Nachlass seiner Schwester regeln. Sie haben sich schon oft darüber unterhalten, als Sabine noch gelebt hat. Es war ihr ein großes Anliegen, dass ihre Daten im Internet nicht einfach bestehen bleiben, sondern mit Bedacht bearbeiten, gelöscht oder angepasst werden.

Menschen gehen, Daten bleiben. Was passiert eigentlich mit deinen Daten, wenn du tot bist? Finde hier heraus, was du über deinen digitalen Nachlass wissen musst. Damit du guten Gewissens sagen kannst: #machtsgut!

Mache den Test

Die offiziellen Zugänge wie Online Banking und FinanzOnline hat Fabian bereits bearbeitet. Nun ist Sabines Facebookprofil an der Reihe. Fabian loggt sich ein, ein kalter Schauer fährt ihm über den Rücken als er die roten Zahlen sieht die bei Neuigkeiten und Nachrichten entgegenleuchten, er hat ein Spannen in der Brust als ihm die strahlenden Augen seiner Schwester auf deren Profilbild entgegenspringen und es zieht ihm seinen Hals zusammen als er das grüne Zeichen für „Online“ neben Sabines Namen liest. Er loggt sich wieder aus, er ist noch nicht so weit.

Wenn einem Social Media als Ort der Trauer nicht passend erscheint, dann hat man auch die Möglichkeit eigene Gedenkseite im Netz für den Verstorbenen einzurichten. Eine solche Möglichkeit bietet das Trauer- und Gedenkportal Viternity.org oder die österreichische Variante Seelenfunke.at. Auch Prof. Dr. Macho schreibt in seinem Essay Sterben heute darüber, dass sich die letzten Ruhestätten unseres Zeitalters immer mehr im Internet finden.

Interview-Ausschnitt mit Prof. Dr. Thomas Macho zum Thema Tod

Die Digitalisierung hat eine neue Art der Nachlassregelung notwendig gemacht. Aber nicht nur das – auch eine neue Art der Trauerbewältigung wird sich entwickeln müssen. Profile bei sozialen Netzwerken sind nicht selten ein Spiegel in das Innere ihrer Besitzer und sie bleiben – auch wenn der Mensch an sich nicht mehr weiterlebt – sie bestehen über den Tod hinaus. Angehörige müssen nun nicht nur persönliche Gegenstände und Habseligkeiten verwalten- sondern auch die digitale Persönlichkeit der verstorbenen Person.

Wie würde es dir damit gehen? Sage uns deine Meinung und mache bei dieser kurzen Umfrage mit.


Mehr Lesestoff zum Thema Tod im Netz:

>> Tote Facebook-Mitglieder Ein riesiger Internetfriedhof (2017, berliner-zeitung.de)
>> Digitales Leben nach dem Tod. Lasst Sie gehen! (2015, rp-online.de)

Wenn jemand gestorben ist, den wir gut kannten, prüfe ich unser Gedächtnis. Es taugt nichts, stelle ich fest. Es ist nicht haltbar. Wir sind bald verloren. Wir nehmen den Berg wahr mit erstem Schnee und den Nebel im Feld und finden das passend und schön. Unsere Bedürfnisse sind einfach und stark, wir frieren, haben Hunger und Durst und einen nächsten Termin. Zwischen uns die kleinen langsamen Gespenster. Elisabeth Borchers

Fotocredits: Natalia Zmajkovicova
Q1: 2012, Sterben und Erben in der digitalen Welt: von der Tabuisierung zur Sensibilisierung: Crossing Borders: Ergebnisse eines interdisziplinären Forschungsprojekts. vdf Hochschulverlag AG

[ssba]

9 thoughts on “Das Netz lässt dich nicht sterben”

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